Ein Anfang ohne großen Plan

Talheim Records begann 2008 nicht mit einem ausgearbeiteten Geschäftsplan. Ich war damals 17 Jahre alt, noch Schüler und beschäftigte mich intensiv mit Black Metal und der Underground-Szene. Über die Musik lernte ich immer mehr Projekte und die Menschen dahinter kennen. Viele dieser Musiker suchten nach einer Möglichkeit, ihre Aufnahmen erstmals oder in einer neuen Form zu veröffentlichen. Aus diesen Gesprächen entstand der Gedanke, selbst ein Label aufzubauen.

Mich faszinierte nicht nur die Musik selbst. Ich wollte auch verstehen, wie aus Aufnahmen ein fertiger Tonträger entsteht und was nötig ist, damit Musik über das unmittelbare Umfeld der Musiker hinaus wahrgenommen werden kann. Musikern aus dem Underground weitere Veröffentlichungsperspektiven zu eröffnen, blieb dabei die ursprüngliche Motivation.

Wie groß Talheim Records einmal werden könnte, spielte dabei keine Rolle. Internationale Kontakte, ein wachsender Katalog oder unterschiedliche Produktionsformen waren nicht vorgezeichnet. Aus einem Kontakt ergab sich eine Veröffentlichung, aus dieser Veröffentlichung ein weiterer Kontakt. Neue Aufgaben führten zu neuen Erfahrungen. Diese schrittweise Entwicklung prägt das Label bis heute.

Ein Name mit Bezug zu Wien

Für den Namen suchte ich nach etwas, das einen Bezug zu Österreich und besonders zu Wien tragen konnte. Die Anregung zu „Talheim Records“ kam von Akanoth, dem Musiker hinter Obskene Sonare. Nach meiner Erinnerung beruhte sein Vorschlag auf der Wiener Sage vom „Wilden Mann von Währing“, die damit zur Inspirationsgrundlage für den Namen wurde.

Akanoth gestaltete auch das erste Logo. Name und erste visuelle Identität entstanden damit nicht in einer Agentur oder als Teil einer vorbereiteten Markenstrategie, sondern aus einem persönlichen Kontakt innerhalb der Underground-Szene. Das passt zu den ersten Jahren: Vieles begann im Austausch mit Menschen, die sich für dieselbe Musik begeisterten und eigene Fähigkeiten einbrachten.

Die ersten Schritte als Schüler

2008 war ich noch Schüler und meine finanziellen Möglichkeiten waren begrenzt. Für weitere Veröffentlichungen sparte ich Geld an und reduzierte persönliche Ausgaben bewusst, um möglichst viel für kommende Produktionen zurücklegen zu können. Ein großer Teil des verfügbaren Geldes floss so wieder in das nächste Vorhaben.

Der finanzielle Rahmen bestimmte, was zu einem bestimmten Zeitpunkt realistisch war. Kleine Auflagen konnten pro Exemplar teuer sein, besonders wenn einzelne Arbeitsschritte nicht selbst erledigt, sondern an einen Produktionsbetrieb vergeben wurden. Gleichzeitig wollte ich nicht warten, bis irgendwann ideale Bedingungen entstehen würden. Also suchte ich für jedes Projekt nach einer Form, die mit den vorhandenen Mitteln machbar war.

So entstanden die Spielräume langsam. Geld wurde angespart, Erfahrungen wurden gesammelt, und mit jeder abgeschlossenen Produktion ließ sich besser einschätzen, welche Entscheidung wirklich einen Unterschied macht. Die späteren Möglichkeiten und Qualitätsstandards waren nicht von Anfang an vorhanden. Sie mussten Schritt für Schritt erarbeitet und finanziert werden.

Tapes, CD-Rs und die ersten gepressten CDs

Die frühen Veröffentlichungen waren eng mit Tapes und CD-Rs verbunden. Einen Teil der CD-Rs brannte ich selbst. Mit einem eigenen CD-Drucker konnte ich auch die Oberfläche der Datenträger bedrucken. Booklets und weitere Druckmaterialien wurden vorbereitet, zugeschnitten und mit den verfügbaren Mitteln zusammengeführt. Diese Arbeit war zeitaufwendig, vermittelte aber ein sehr unmittelbares Verständnis dafür, wie viele kleine Schritte zwischen fertigen Audiodateien und einem physischen Produkt liegen.

Daneben gab es einzelne frühe Produktionen, bei denen CD-Rs von externen Betrieben gefertigt wurden. Das war technisch und wirtschaftlich etwas anderes als selbst gebrannte Datenträger. Gerade bei kleinen Auflagen von teilweise nur hundert Exemplaren lagen die Stückkosten vergleichsweise hoch, wenn ein bestimmter Fertigungsstandard extern umgesetzt werden sollte. Es handelte sich nicht um eine lange einheitliche Produktionsphase, sondern um unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Projekte.

2011 folgte mit den ersten industriell gepressten CDs im klassischen Jewel Case ein weiterer Schritt. Eine gepresste CD wird anders hergestellt als eine beschreibbare CD-R; auch Druckdaten, Mindestmengen, Abstimmung und Fertigungsablauf unterscheiden sich. Die Erfahrungen aus den früheren Produktionen, das angesparte Budget und das wachsende Wissen machten diesen Schritt möglich und erweiterten den gestalterischen und produktionstechnischen Spielraum.

Vieles selbst gemacht, vieles erst gelernt

Ein großer Teil der grafischen Arbeit entstand über Jahre in Eigenregie. Am Anfang arbeitete ich unter anderem mit GIMP. Cover, Booklets und andere Drucksachen konnten mehrere Tage beanspruchen, weil ich jeden Schritt ausprobierte, nachlas und wiederholte. Dabei lernte ich nach und nach, worauf es bei Druckdaten, Formaten und den Vorgaben der Hersteller ankam.

Später brachte ich mir Adobe Photoshop, InDesign und weitere Werkzeuge der Creative Suite bei. Mit jeder tatsächlichen Produktion wurde verständlicher, wie Gestaltung und Herstellung zusammenhängen und welche Informationen Druckereien und Presswerke benötigen. Dieses Wissen entstand nicht auf einmal, sondern aus praktischer Arbeit, Recherche und den Rückmeldungen der Produktionsbetriebe.

Gerade in den ersten Jahren und bis etwa 2018 übernahm ich einen großen Teil der grafischen Gestaltung und Produktionsvorbereitung selbst. Tonträger und Merchandise ließ ich je nach Produkt von externen Herstellern fertigen. Mit der weiteren Entwicklung des Labels veränderten sich auch meine Aufgaben und die Zusammenarbeit mit diesen Produktionsbetrieben.

Mehr als nur Tonträger

Mit Merchandise kamen weitere Fragen hinzu. Ein Motiv, das auf einem Booklet funktioniert, verhält sich auf Textil anders. Über Jahre setzte ich mich mit Siebdruck, digitalem Direktdruck (DTG), digitalem Transferdruck (DTF) und Discharge-Druck auseinander. Durch Recherche, Muster und Gespräche mit Produktionsbetrieben lernte ich, wie sich die Verfahren unterscheiden und was bei Motiv, Material, Farben und Auflage zu beachten ist.

Auch bei Aufnähern musste ich die Unterschiede erst kennenlernen. Gestickte Varianten wirken durch ihre Garnstruktur häufig plastischer, gewebte können feinere Details und kleine Schriften präziser abbilden. Mit der Zeit lernte ich, Material, Randverarbeitung, Farbwirkung, Haltbarkeit und Motiv gemeinsam zu betrachten und die Umsetzung passend zum jeweiligen Produkt auszuwählen.

Mit jeder neuen Produktart lernte ich auch unterschiedliche Produktionsbetriebe kennen. Angebote und Muster ließen sich mit wachsender Erfahrung besser einordnen. Ich achtete zunehmend darauf, welche Materialien verfügbar waren, wie sauber kleine Details umgesetzt werden konnten und welche Anforderungen im vorhandenen Budget realistisch blieben. So wurden die Entscheidungen für jedes Produkt bewusster.

Ein Anspruch, der mitgewachsen ist

Über die Jahre entstand daraus ein persönlicher Maßstab: Ich wollte möglichst nichts verkaufen, was ich nicht auch selbst gerne tragen oder besitzen würde. Am Anfang waren Wissen, Geld und technische Möglichkeiten begrenzt. Mit jeder Produktion konnte ich genauer erkennen, welche Materialien, Verarbeitung und Vorbereitung zu diesem Anspruch passten.

Fachliche Erfahrung und finanzielle Möglichkeiten entwickelten sich dabei gemeinsam. Mit jeder Produktion wuchs das Wissen; durch Sparen, eigene Arbeit und die weitere Entwicklung des Labels entstand mehr finanzieller Spielraum. Dadurch ließ sich der Qualitätsanspruch schrittweise besser umsetzen: mit passenderen Materialien, gezielt ausgewählten Verfahren und präziseren Produktionsentscheidungen. Entscheidend blieb das Zusammenspiel von Motiv, Zweck, Vorbereitung, Hersteller und sorgfältiger Kontrolle.

Dieser Anspruch bleibt in Bewegung. Auch heute sehe ich bei jeder Produktion genau hin, lerne aus Abweichungen und plane Produkte so, dass sie der Musik und ihrer Gestaltung gerecht werden. Sorgfalt bleibt dabei eine fortlaufende Aufgabe.

Eine Entwicklung, die sich ergeben hat

Talheim Records wuchs nicht entlang einer vorher festgelegten Roadmap. Menschen brachten neue Musik, Fragen und Möglichkeiten mit. Manche Kontakte führten zu Veröffentlichungen, andere zu Wissen, Zusammenarbeit oder weiteren Bekanntschaften. Auch die musikalische Ausrichtung erweiterte sich über den anfänglichen Black-Metal-Schwerpunkt hinaus, weil konkrete Projekte und Beziehungen neue Wege eröffneten.

Rückblickend lässt sich eine Entwicklung erkennen, die im jeweiligen Moment selten vollständig planbar war. Entscheidend waren persönliche Kontakte und die Bereitschaft, mit begrenzten Mitteln die nächste Aufgabe ernst zu nehmen und die nötigen Fähigkeiten durch praktische Arbeit zu lernen. Aus ersten Tapes und CD-Rs wurden gepresste CDs, weitere Formate und Merchandise; aus einzelnen Kontakten entstand ein Netzwerk.

Im ersten Teil von Inside Talheim Records habe ich beschrieben, was hinter einer Veröffentlichung und einem Label sichtbar werden soll. Dieser zweite Teil erzählt, woher diese Arbeit kommt. Der nächste Beitrag, „Ein Label im Wandel“, wird daran anschließen und zeigen, wie sich Strukturen, Zusammenarbeit und Selbstverständnis über die Jahre weiter verändert haben.

Am Anfang standen die Begeisterung für Black Metal und der Wunsch, Musikern aus dem Underground weitere Veröffentlichungsperspektiven zu eröffnen. Was später daraus wurde, war 2008 nicht geplant. Es gab Musik, Menschen und die Entscheidung, mit den vorhandenen Möglichkeiten anzufangen.